Mercator-Matinéen

Die Mercator-Gesellschaft unterstützt die Mercator-Matinéen, die mehrmals im Jahr Sonntags um 11.15 Uhr im Kultur- und Stadthistorischen Museum zu einem Jahresthema stattfinden.

2020 stehen die Mercator-Matinéen unter dem Motto „Die Alte und die Neue Welt“.


Sonntag, 1. März, 11.15 Uhr
Lesung
Christian Brückner
(Schauspieler, Hörspiel- und Synchronsprecher, Verleger)

Alexis de Tocqueville: Über die Demokratie in Amerika. Ein Plädoyer für die Freiheit

Théodore Chassériau: Alexis de Tocqueville, 1850

Alexis de Tocqueville, geboren 1805 in Paris, war Publizist, Politiker und Historiker. Er gilt als Begründer der vergleichenden Politikwissenschaften. 1831 reiste der 25jährige Tocqueville in die Vereinigten Staaten, um dort das Modell der jungen amerikanischen Demokratie zu studieren. Für ihn war es nur eine Frage der Zeit, wann sich Gleichheit und Demokratie auch in Europa durchsetzen würden. Seine Warnungen vor den Gefahren, die demokratische Gesellschaften bedrohen: Ausdehnung Amerikas – Globalisierung, Despotismus in der Demokratie, Gleichheit – Verlust der Individualität, wirken heute seltsam prophetisch. 

Sein Buch „Über die Demokratie in Amerika“, erschienen 1835 (1. Teil) und 1840 (2. Teil), wurde weltbekannt. Kritiker lobten Tocqueville als „Montesquieu des 19. Jahrhunderts“. Er starb 1859 in Cannes, Frankreich.

Der Schauspieler, Hörspiel- und Synchronsprecher Christian Brückner liest ausgewählte Passagen aus „Über die Demokratie in Amerika“.


Sonntag, 5. April, 11.15 Uhr

Vortrag
Sarah Marak (Erlangen)

Christoph Kolumbus und der Mythos der „Entdeckung Amerikas“

Um Christoph Kolumbus und seine ‚Entdeckung Amerikas‘ ranken sich bis heute viele Mythen und die Vorstellung der meisten von Kolumbus und seinen Reisen als Seefahrer und Entdecker hat wahrscheinlich nur wenig mit der historischen Figur zu tun. Der Vortrag beleuchtet Kolumbus und seine ‚Entdeckung‘ sowohl mit Blick auf den Diskurs der ‚Neuen‘ in der Alten Welt, als auch umgekehrt. Es wird aufgezeigt, wie die Geschichte von Kolumbus mit den Gründungsmythen der USA verwoben ist, wie ein italienischer Seefahrer dort zur nationalen Ikone konstruiert wurde, obwohl er selbst den Boden der heutigen USA nie betreten hat und wie er von verschiedenen Gesellschaftsteilen über die Jahrhunderte als Kultfigur verehrt und vereinnahmt wurde. Als sich seine berühmten Reisen 1992 zum 500. Mal jährten war das Anlass für eine neue Welle von Kolumbus-Darstellungen in Büchern, Ausstellungen, und Filmen, welche zumindest teilweise Kolumbus und seine Taten kritisch beleuchteten und den Kult um seine Figur hinterfragten.

Anhand von popkulturellen Beispielen von beiden Seiten des Atlantiks, spürt der Vortrag dem Mythos von Kolumbus und der Entdeckung Amerikas Ende des 20. Jahrhunderts nach, zwischen Revision und Heldendarstellung.

Zu dem Thema findet ein Gottesdienst in der Salvatorkirche statt.
Die Predigt hält Pfarrer Martin Winterberg.

Kolumbus‘ Landung in Amerika in einer Darstellung von 1893

Sonntag, 3. Mai, 11.15 Uhr
Vortrag
Prof. Dr. Michael Zeuske (Köln)

Cristóbal Colón / Kolumbus und die Anfänge des Sklaverei-Atlantiks

Kolumbus ist eine hochgradig symbolische Figur. Bis Ende des 18. Jahrhunderts interessierte sich, vor allem in Spanien und Portugal, niemand für den ungeliebten Genuesen. Im 19. Jahrhundert begann das Interesse an der historischen Figur und um 1892 wollten alle großen und ein paar kleine europäische Staaten Kolumbus für sich reklamieren.

Auf dem Weg zum Sklavenmarkt.                        Wellcome Library no. 578847i

Bis um 1960 blieb er dann der große Entdecker. Seit den 1970er Jahren bekam er alle späteren Verbrechen der Conquistadoren, Kolonisatoren, Indioschlächter, Ausbeuter und Umweltzerstörer angelastet (auch wenn er als Kapitän immer eine Ausnahmeerscheinung blieb).

Für die heutige Sozial- und Expansionsgeschichte Europas gehört Kolumbus zu einer relativ kleinen Gruppe vor allem iberischer Kapitäne, meist geadelt, die die expansive Globalisierung Portugals und Spanien/Kastiliens vorantrieben und ihre Kosten sehr pragmatisch mit Sklavenhandel und  Menschenraub finanzierten.

Inzwischen sind Verträge von Kolumbus mit bekannten italischen Sklavenhändler bereits vor Antritt seiner ersten Fahrt über die Ost-West-Route des Atlantiks (1492–1493) bekannt geworden. Kolumbus hatte aber auch schon vorher Sklavenhandelserfahrungen, u.a. an der von Portugiesen kontrollierten Westküste des subsaharischen Afrikas.

Der Vortrag wird anhand der Kolumbus-Aktivitäten die Entstehung der atlantischen Sklaverei und des Sklaverei-Atlantiks (1400–1900) in Grundzügen analysieren.


Sonntag, 7. Juni, 11.15 Uhr
Vortrag
Prof. em. Dr. Bernd Roeck (Zürich)

Der Morgen der Welt – was macht Europa aus zu Beginn der Neuzeit?

Die große Frage, die der Vortrag aufgreift und zu beantworten versucht, lautet: Wie kam es, dass das kleine Europa, genauer: dessen westlicher Teil und dann das von Europa geprägte Amerika, bis ins 20 Jahrhundert die in wissenschaftlicher und technischer Hinsicht bei weitem erfolgreichste Region der Welt war, während die bis ins 12. Jahrhundert führenden islamischen Länder und China Niedergang erlebten?

Es wird nicht darum gehen, allein eine Triumphgeschichte zu erzählen; die dunkle Seite des „Aufstiegs Europas“ wird nicht ausgeblendet werden. Nicht zuletzt die Europäerinnen und Europäer selbst hatten teuer dafür zu bezahlen. Vergleiche sollen zeigen, welche Voraussetzungen für die Karriere des Kontinents wichtig, vielleicht entscheidend waren. Dazu zählten seine politische und kulturelle Vielfalt, Freiheiten und die Existenz von Mittelschichten, die Eindämmung der Macht der Religion und das antike Erbe mit seinem kritischen Geist. Entscheidend war die Offenheit Europas für Kulturtransfers: die Bereitschaft, vom Fremden zu lernen.

Ein Ausblick wird sich mit der Frage beschäftigen, ob das europäisch- amerikanische Zeitalter inzwischen seinem Ende entgegengeht und die Zukunft China und anderen Ländern Asiens gehören könnte.

Raffael: Die Schule von Athen, 1510/11 (Ausschnitt)

Sonntag, 27. September, 11.15 Uhr
Vortrag
Dr. Hans Christian Adam (Göttingen)

Edward Sheriff Curtis: Die Indianer Nordamerikas

Edward Sheriff Curtis

Wenn wir in einem Buch, einer Zeitschrift oder auf einer Plakatwand altmodisch wirkende Fotografien sehen, die zum Beispiel einen einsamen Indianer in den Weiten der Prärie, einen Häuptling im Federschmuck, eine Squaw vor einem Tipi zeigt, dann ist es nicht unwahrscheinlich, dass es sich bei dem Bildautor um Edward Sheriff Curtis (1868–1952) handelt. Sein photographisches Werk kann bis heute traditionelle Vorstellungen von nordamerikanischen Indianern befriedigen, ja Curtis’ Arbeit hat sie zum guten Teil geprägt. Schon als Curtis seine Photographien aufnahm, stellte er die Indianer nicht so dar, wie sie zu diesem Zeitpunkt lebten, sondern wie sie einst waren – und wie wir sie uns vielleicht bis heute wünschen, als stolze „native nations“ und als eines der Sinnbilder für Amerika.

Kein anderer Photograph hat ein größeres Oeuvre zu diesem Thema verfertigt. In der Überzeugung, dass die Indianer in absehbarer Zeit aussterben würden, hat Curtis den Großteil seines Lebens damit verbracht, ihr Leben und ihre Gebräuche zu studieren, ihre Geschichte und ihre Legenden zu notieren. Curtis war nicht allein Lichtbildner, er wurde mit seiner Arbeit auch zum Ethnografen. Es sind rund 2.200 Photogravüren, die als Ergebnis von Curtis’ langjähriger Arbeit in einer 20bändigen Enzyklopädie unter dem Titel „The North American Indian“ veröffentlicht wurden.

Aus der einzigen in Deutschland erhaltenen vollständigen Ausgabe dieses Werkes zeigt der Vortrag eine Auswahl, die in Curtis Bildwelt der amerikanischen Indianer einführt

Die Mercator Matinée am 29. September 2020 ist zugleich Eröffnung der Ausstellung „Edward Sheriff Curtis: Die Indianer Nordamerikas“, die bis zum 10. Januar 2021 im Kultur-und Stadthistorischen Museum der Stadt Duisburg zu sehen ist.


Sonntag, 25. Oktober, 11.15 Uhr
Vortrag
Pierre Leich (Nürnberg)

Wie die Erde rund wurde – von Thales’ ebener Erde bis zur Amerika-Karte von Waldseemüller

Aus: Sacrobosco (1195-1256), „De sphaera mundi“, Ausgabe von 1510

Wem verdanken wir die Erkenntnis der Kugelgestalt der Erde? Brauchte es erst die Fahrten von Kolumbus, da Gama und Magellan oder legte nicht schon Eratosthenes einen schlüssigen Beweis nebst Erdumfangsrechnung vor?

Der Vortrag verfolgt die Lehre der Kugelgestalt aus der Antike über die Kirchenväter bis zur Entdeckung Amerikas, deckt Missverständnisse auf und klärt, um was es beim Streit von Kolumbus in Wahrheit ging. Den Abschluss bildet die berühmte Weltkarte von Martin Waldseemüller, die neben der Überlieferung von Ptolemäus bereits die Entdeckungen von Amerigo Vespuccis enthielt und erstmals Amerika als eigenständigen Kontinent darstellt.


Sonntag, 22. November, 11.15 Uhr
Vortrag
Prof. em. Dr. Luise Schorn-Schütte

Karl V. Kaiser im Reich, in dem die Sonne nicht untergeht

Tizian: Karl V., 1548

Karl V. (1500–1558) gilt als Kaiser zwischen Mittelalter und Neuzeit. Diese Charakterisierung ist deshalb wichtig, weil sie das Amtsverständnis des Habsburgers verdeutlicht und damit auch seine weltumspannende Außenpolitik verständlicher werden lässt.
Karl V. betrachtete es – eben im mittelalterlichen Verständnis – als seine Aufgabe, eine monarchia universalis aufrecht zu erhalten. Für die Menschen des beginnenden 16. Jahrhunderts bedeutete dies, dass der christliche Kaiser als weltlicher Herrscher den Schutz des christlichen Glaubens in der ganzen, damals bekannten Welt aufrecht zu erhalten hatte. Als pater patriae sollte er seine Untertanen in der ganzen Welt schützen. Damit stand er als weltlicher Herrscher neben dem Papst, dessen Aufgabe in der geistlichen Fürsorge für alle getauften Christen bestand. Gegen dieses zentrierende Verständnis entwickelte sich u. a. auch im Kontext der reformatorischen Bewegung ein anderes Herrschaftsverständnis, das die Historiker als Frühneuzeitliches charakterisieren. Die europäischen Dynastien, insbesondere die auf dem Reichstag vertretenen Kurfürsten, die den Kaiser wählten, beanspruchten gleichberechtigte Teilhabe, sie betrachteten sich nicht als Untertanen des Kaisers, sondern den Kaiser als primus inter pares, mit dem u. a. über Steuern und militärische Aktionen auf Augenhöhe verhandelt werden musste. Diese Auffassung vom Charakter der Herrschaft reduzierte den Anspruch der kaiserlichen monarchia universalis, durch Teilung sollte Herrschaft begrenzt werden. Der Gegensatz bleibt kein theoretischer, er war der Ausgangspunkt für etliche Machtkonflikte des 16. Jahrhunderts in Europa und über Europa hinaus.


Sonntag, 13. Dezember, 11.15 Uhr
Podiumsgespräch

Was wird aus der EU?

Mit dem Vertrag von Maastricht wurde 1992 die Europäische Union (EU) gegründet, die damit auf die in den 50er-Jahren von sechs Staaten initiierte Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) folgte und Zuständigkeiten in nicht wirtschaftlichen Politikbereichen bekam. In mehreren Reformverträgen, zuletzt im Vertrag von Lissabon, wurden die überstaatlichen Zuständigkeiten der EU weiter ausgebaut.

Seit einigen Jahren befindet sich die Europäische Union nun in einem neuen, schwierigen Prozess der Selbstfindung. Wichtige Fragen zur Migration, zum Klimawandel, zur EU-Erweiterung, zu einer gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, zum demografischen Wandel, zur Bürokratisierung sind nicht geklärt. Mit Großbritannien hat zudem eines der größten Mitgliedsländer sich entschlossen, die EU zu verlassen. Die schwache geopolitische Position der EU ist gerade erst im Syrienkonflikt deutlich geworden.

In dem Podiumsgespräch soll erörtert werden, wie eine (neue) europäische Vision aussehen könnte.

„Banksy does Brexit“


Teilnehmer
Prof. Dr. Ulrike Guérot

Prof. Dr. Ulrike Guérot ist Leiterin des Departments für Europapolitik und Demokratieforschung an der Donau-Universität Krems und Gründerin des European Democracy Labs in Berlin.

Jan Jessen
Jan Jessen ist seit 2007 Leiter der Politikabteilung bei der NRZ (Neue Ruhr Zeitung). Zugleich stellv. Vorsitzender der Caritas Flüchtlingshilfe in Essen.

Prof. Dr. K. K. Patel
Prof. Dr. K. K. Patel ist Inhaber des Lehrstuhls für Europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Das Podiumsgespräch wurde ermöglicht durch die freundliche Unterstützung der Sparkasse Duisburg und das Duisburger Büro von Europe Direct. 


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